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„Gib mir zu trinken“ – Wie eigene Bedürftigkeit Türen öffnet

Die unterschätzte Strategie der Demut im missionarischen Lebensstil


Wenn wir an Evangelisation oder einen missionarischen Lebensstil denken, haben wir oft eine unbewusste Rollenverteilung im Kopf: Wir sind die „Reichen“, die anderen sind die „Armen“. Wir sind die „Wissenden“, sie sind die „Unwissenden“. Wir haben die Antworten, sie haben die Fragen. Wir sind die Geber, sie sind die Empfänger.


Das ist gut gemeint. Wir wollen ja helfen. Wir wollen das Beste weitergeben, das wir haben. Aber psychologisch passiert dabei etwas Heikles: Wir stellen uns – oft ohne es zu wollen – auf ein Podest. Und niemand mag es, wenn auf ihn herabgeschaut wird. Diese Asymmetrie baut keine Brücken, sie baut Mauern.


Walter Henrichsen weist in seinem Buch Macht zu Jüngern auf eine brillante Strategie Jesu hin, die dieses Gefälle komplett auf den Kopf stellt. Eine Strategie, die so simpel ist, dass wir sie in unserer "Macher-Mentalität" oft übersehen.


Der Jesus-Twist: Die Bitte um Hilfe


Schauen wir uns die berühmte Begegnung in Johannes 4 an. Jesus trifft eine samaritische Frau am Jakobsbrunnen. Die kulturelle Kluft könnte nicht größer sein: Er ist Jude, sie Samariterin. Er ist ein Mann, sie eine Frau. Er ist ein Rabbi, sie eine Frau mit einem fragwürdigen Ruf.


Wie überbrückt Jesus diesen Graben? Startet er mit einer Predigt? Bietet er ihr sofort Hilfe an? Kritisiert er ihren Lebensstil? Nein. Er sagt vier einfache Worte: „Gib mir zu trinken.“ (Johannes 4,7)


Jesus, der Sohn Gottes, die Quelle des lebendigen Wassers, macht sich bedürftig. Er gibt der Frau etwas, das ihr wahrscheinlich selten jemand gegeben hat: Würde. Indem er sie um Hilfe bittet, signalisiert er: „Ich brauche dich. Du hast etwas, das ich nicht habe. Du kannst mir helfen.“


Henrichsen bemerkt dazu treffend: Jesus schafft Beziehung, indem er sich auf eine Ebene begibt, auf der die Frau ihm begegnen kann. Er ermächtigt sie. Und genau diese geöffnete Tür der Menschlichkeit wird später zum Tor für die Ewigkeit.


Warum wir schlechte Empfänger sind


Wir Christen sind oft Weltmeister im Geben, aber Anfänger im Empfangen. Wir wollen stark wirken, gesegnet, souverän. Doch wenn wir immer nur die Geber sind, degradieren wir unser Gegenüber dauerhaft zum Hilfsbedürftigen. Das schafft Distanz, keine Nähe.

Echte Freundschaft – und damit die Basis für einen missionarischen Lebensstil – entsteht aber nur auf Augenhöhe.


Wenn du deinen Nachbarn um Hilfe bittest, passiert etwas Wunderbares:


  1. Du wertest ihn auf: Du zeigst ihm, dass du seine Fähigkeiten schätzt.

  2. Du zeigst Verletzlichkeit: Du gibst zu, dass du nicht alles kannst und hast. Das macht dich nahbar und menschlich.

  3. Du baust Vertrauen: Wer sich helfen lässt, macht sich ein Stück weit abhängig. Das ist der Boden, auf dem Vertrauen wächst.


Praktisch werden: Die Strategie der leeren Hände


Wie sieht das heute aus? Es bedeutet, dass wir bewusst Gelegenheiten suchen, bei denen wir nicht die Antworten geben, sondern Fragen stellen. Wo wir nicht dienen, sondern uns dienen lassen.


  • Statt dem Nachbarn mit dem perfekten Rasen ungefragt Tipps zu geben, frag ihn: „Ich habe absolut keinen grünen Daumen. Wie machst du das? Kannst du mir einen Rat geben?“

  • Statt dir die Heckenschere im Baumarkt zu kaufen, klingle nebenan: „Könnte ich mir deine vielleicht kurz ausleihen?“

  • Statt so zu tun, als hättest du in der Kindererziehung alles im Griff, sag der Kollegin: „Ich weiß gerade echt nicht weiter mit meinem Teenager. Du hast das doch schon durch – wie hast du das geschafft?“


In dem Moment, in dem du eine Frage stellst oder um Hilfe bittest, ändert sich die Atmosphäre. Der andere entspannt sich. Er muss sich nicht verteidigen. Er fühlt sich kompetent und gesehen.


Und oft ist es genau dieser Moment der Augenhöhe, in dem das Gespräch plötzlich tiefer geht. Weil du dich geöffnet hast („Ich brauche Hilfe“), traut sich der andere vielleicht später, sich auch zu öffnen („Ich brauche auch Hilfe... vielleicht sogar Gebet“).


Fazit


Ein missionarischer Lebensstil bedeutet nicht, dass wir immer die Starken sein müssen, die andere retten. Manchmal bedeutet es einfach, Mensch zu sein und zuzugeben: „Ich habe Durst. Kannst du mir helfen?“


Probier es diese Woche aus. Bitte jemanden um einen kleinen Gefallen. Mach dich bedürftig. Und beobachte, wie aus einer kleinen Bitte eine große Brücke wird.


Kernzitat zum Mitnehmen:


"Schaffen Sie eine gute Gelegenheit, indem Sie andere um ihre Hilfe bitten. [...] Jesus hätte nie vermutet, in dieser Frau ein Gegenüber zu finden, dem er von Gott erzählen konnte... Doch sie machte kein Hehl daraus, wie nötig sie Jesus brauchte. Welche wunderbare Gelegenheit bot sich ihm!" – Walter Henrichsen (frei nach Macht zu Jüngern)

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