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Erst hören, dann reden – Zuhören als geistliche Disziplin

Warum gute Fragen der Schlüssel zum Herzen sind


Jeder sendet. Auf Social Media, in Talkshows, im Büro – jeder hat eine Meinung und will sie kundtun. Wir sind es gewohnt, um Aufmerksamkeit zu kämpfen.


Leider tappen wir als Christen oft in dieselbe Falle, besonders wenn es um unseren Glauben geht. Wir haben die „gute Nachricht“ – und wir denken, unsere Aufgabe sei es, diese Nachricht so schnell wie möglich auszusenden. Wir wollen Antworten geben. Wir wollen erklären, retten, überzeugen.Doch oft erreichen wir damit das Gegenteil. Wir wirken wie Verkäufer, die ihr Produkt anpreisen, ohne den Kunden überhaupt angesehen zu haben.

Dave Ferguson erinnert uns in seinem B.L.E.S.S.-Konzept (In der deutschen Übersetzung S.E.G.E.N.) eine grundlegende Wahrheit, die wir in unserem Eifer oft vergessen: Bevor wir reden, müssen wir hören. Das „L“ (Listen) kommt vor dem „S“ (Story).


Das Recht zu reden verdienen


Es gibt einen alten Leitsatz in der Seelsorge: „Menschen ist es egal, wie viel du weißt, bis sie wissen, wie viel sie dir bedeuten.“


Wenn wir in das Leben eines Menschen hineinsprechen wollen, müssen wir uns dieses Recht erst verdienen. Wir verdienen es uns nicht durch theologische Argumente, sondern durch geschenkte Aufmerksamkeit. Dave Ferguson betont, dass wir oft den Fehler machen, sofort „unsere Geschichte“ (was wir mit Gott erlebt haben) erzählen zu wollen, bevor wir „ihre Geschichte“ kennen.


Stell dir vor, du gehst zum Arzt. Du sagst: „Mein Knie tut weh.“ Und noch bevor du ausgesprochen hast, sagt der Arzt: „Ich habe da eine tolle Herzmedizin, die müssen Sie nehmen!“ Du würdest diesen Arzt für inkompetent halten. Er hat nicht diagnostiziert. Er hat nicht zugehört. Genau so fühlen sich Menschen oft, wenn Christen ihnen ungefragt „Lösungen“ präsentieren, ohne ihre wirklichen Fragen oder Schmerzen zu kennen.


Zuhören als Liebesbeweis


In einer Zeit, in der echtes Zuhören eine Rarität ist, wird es zum mächtigsten Liebesbeweis. Dietrich Bonhoeffer sagte einmal, dass der erste Dienst, den wir einem anderen schulden, das Zuhören ist.


Missionarisch zu leben bedeutet nicht primär, ein guter Redner zu sein. Es bedeutet, ein Meister der guten Fragen zu werden. Wenn du einem Menschen aufrichtig zuhörst – ohne auf dein Handy zu schauen, ohne im Kopf schon deine Antwort zurechtzulegen, ohne ihn zu unterbrechen –, dann spiegelst du das Wesen Gottes wider. Gott ist ein hörender Gott. Er neigt sein Ohr zu uns. Wenn wir zuhören, geben wir dem anderen Würde. Wir sagen ohne Worte: „Du bist wertvoll. Deine Geschichte zählt.“


Vom Monolog zum Dialog: Die Kunst der Fragen


Wie sieht das praktisch aus? Wir müssen unsere Haltung ändern: Vom „Antwort-Geber“ zum „Fragen-Steller“. Statt nervös zu überlegen: „Wie bringe ich jetzt Jesus ins Gespräch?“, entspanne dich und interessiere dich einfach für den Menschen vor dir.

Hier sind Fragen, die tiefer gehen als der übliche Smalltalk:


  • Statt: „Was machst du beruflich?“


    Frage: „Was macht dir an deiner Arbeit am meisten Spaß – und was raubt dir die Energie?“


  • Statt: „Alles gut bei dir?“


    Frage: „Was beschäftigt dich gerade am meisten? Wo drückt der Schuh?“


  • Für Fortgeschrittene: „Wenn du eine Sache in deinem Leben oder in der Welt ändern könntest, was wäre das?“


  • Frage: „Wie kann ich dir in dieser Situation helfen?“


Das Wunder der Stille


Das Erstaunliche ist: Wenn wir anfangen, Fragen zu stellen und wirklich zuzuhören, öffnen sich Türen von ganz allein. Wer sich verstanden fühlt, öffnet sein Herz. Und fast immer kommt irgendwann der Punkt, an dem der andere zurückfragt: „Und wie siehst du das? Wie gehst du damit um?“


Das ist der Moment. Das ist die offene Tür. Jetzt hast du das „Recht zu reden“. Nicht weil du dich aufgedrängt hast, sondern weil du eingeladen wurdest.Weil du erst ihre Geschichte gehört hast, sind sie jetzt bereit, deine Geschichte zu hören – und vielleicht sogar die Geschichte von dem Gott, der auch ihnen zuhören möchte.


Fazit


Mach dir diese Woche keinen Druck, jemandem etwas „erzählen“ zu müssen. Nimm dir stattdessen vor, etwas herauszufinden. Sei ein Entdecker im Leben deiner Mitmenschen. Übe das Sakrament des Zuhörens. Es ist der leiseste, aber vielleicht wirkungsvollste Weg, das Evangelium zu leben.


Kernzitat zum Mitnehmen:

"Wir können die Geschichte eines anderen nicht mit Gottes Geschichte verbinden, wenn wir uns nicht die Zeit nehmen, ihre Geschichte überhaupt erst zu hören. Lieben heißt fragen." – Dave Ferguson

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