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Die Kirche hat das Gebäude verlassen

Wenn du in den letzten Jahrzehnten Teil einer freikirchlichen oder evangelikalen Gemeinde warst, kennst du höchstwahrscheienlich die „Bring-deinen-Nachbarn-mit-Strategie“. Das Konzept war simpel und oft sehr erfolgreich: Wir als Gemeinde organisieren einen fantastischen Gottesdienst. Wir sorgen für großartige Musik, einen einladenden Raum, guten Kaffee und eine packende Predigt. Die einzige Aufgabe der Gemeindemitglieder ist es, ihre ungläubigen Freunde, Kollegen und Nachbarn genau dorthin einzuladen.


Man nannte das die „Come and See“ (Komm und sieh)-Strategie. Wir bauen etwas Großartiges, und die Leute werden schon kommen.


Aber wenn du dieses Prinzip heute anwendest, hast du wahrscheinlich schon gemerkt: Es funktioniert immer seltener. Du lädst ein, und die Leute haben Ausreden. Sie sind höflich, aber sie kommen nicht. Und du fragst dich frustriert: Liegt es an mir? Ist unser Gottesdienst nicht gut genug?


Autoren wie Dave Ferguson (On the Verge) und Thom S. Rainer beobachten diesen Trend schon länger. Ihre Diagnose lautet nicht, dass wir uns mehr Mühe bei den Gottesdiensten geben müssen. Ihre Diagnose lautet: Die Kultur hat sich grundlegend verändert.


Warum das alte Modell klemmt


In der Vergangenheit genossen Institutionen – ob Regierung, Polizei oder eben die Kirche – einen gewissen Grundrespekt und Vertrauensvorschuss. Ein Kirchengebäude war ein Ort, dem man eine gewisse Autorität zuschrieb.


Heute ist das Gegenteil der Fall. Wir leben in einer post-christlichen, institutionenkritischen Gesellschaft. Menschen vertrauen Organisationen nicht mehr blind. Wenn du heute einen säkularen Nachbarn in einen Gottesdienst einlädst, ist das für ihn oft keine verlockende Einladung zu inspirierender Musik, sondern ein Schritt in eine völlig fremde, vielleicht sogar potenziell bedrohliche oder unangenehme Umgebung. Es fühlt sich für ihn an, als würdest du ihn zu einer Tupperware-Party einladen, bei der er am Ende etwas kaufen muss.


Die Hemmschwelle, sonntagmorgens ein Kirchengebäude zu betreten, ist heute so hoch wie nie zuvor. Bedeutet nicht, dass wir niemanden einladen sollen. Auf jeden Fall! Ich steh 100% zu der Art, wie wir Gottesdienste feiern und wir erleben es, wie immer mehr "Suchende" unsere Gottesdienste besuchen. ABER!


Der Paradigmenwechsel: „Go and Be“


Wenn die Menschen nicht mehr zu uns kommen, um zu sehen, was wir tun, müssen wir zu ihnen gehen und sein, wer wir sind. Wir müssen vom „Komm und sieh“ zum „Geh und sei“ (Go and Be) wechseln.


Statt unsere gesamte geistliche Energie darauf zu verwenden, Nachbarn in die Kirche zu schleppen, sollten wir unsere Energie darauf verwenden, in unserer Nachbarschaft Kirche zu sein.


Menschen wollen heute nicht zuerst wissen, ob wir eine coole Band oder eine theologische wasserdichte Predigt haben. Sie wollen wissen: Funktioniert das, was ihr da glaubt, eigentlich im echten Leben? Macht es euch zu besseren, liebevolleren Menschen? Sie wollen das Evangelium zuerst "anfassen", bevor sie es sich anhören.


Der Gottesdienst ist die Tankstelle, nicht das Rennen


Was bedeutet das für den sonntäglichen Gottesdienst? Wird er dadurch unwichtig? Absolut nicht! Aber seine Funktion verschiebt sich.


Wenn unsere primäre Strategie „Komm und sieh“ ist, betrachten wir den Gottesdienst als das eigentliche "Rennen". Der Sonntag ist das große Event, auf das alles hinausläuft.Wenn unsere Strategie aber „Geh und sei“ lautet, wird der Gottesdienst zur Tankstelle. Das Rennen findet von Montag bis Samstag auf der Straße statt: im Büro, am Küchentisch, im Sportverein. Der Sonntag ist der Ort, an dem wir als Team zusammenkommen, auftanken, den Motor neu einstellen lassen (durch das Wort Gottes), unsere Wunden versorgen und uns neu ausrüsten lassen, um am Montag wieder auf die Strecke zu gehen.


Praktisch werden: Die Gemeinde dorthin bringen, wo das Leben spielt


Ein missionarischer Lebensstil bedeutet also, dass wir den Druck loslassen, ständig Einladungskarten für Gemeinde-Events verteilen zu müssen. Wir verlagern den Ort der Begegnung.


  • Statt: „Kommst du am Sonntag in meine Kirche?“

    Versuche: „Wir grillen am Samstag mit ein paar Freunden aus der Gemeinde bei uns im Garten. Hast du Lust, dazu zu stoßen?“


  • Statt: „Unser Pastor predigt nächste Woche super über Stressbewältigung.“

    Versuche: „Ich sehe, wie sehr dich die Situation auf der Arbeit belastet. Darf ich für dich beten, dass du da gut durchkommst?“ (Die Predigt kannst du dann ja dann trotzdem per Link schicken...😁)


  • Statt: Zu erwarten, dass dein ungläubiger Freund sich deinem christlichen Umfeld anpasst.

    Versuche: Dich in sein Umfeld zu begeben. Hilf ihm bei seinem Umzug. Engagiere dich in seinem Verein. Sei präsent an den Orten, die ihm wichtig sind.


Die Kirche ist kein Gebäude. Sie ist eine Bewegung von Menschen. Und eine Bewegung ist am stärksten, wenn sie sich bewegt – raus aus den eigenen vier Wänden, mitten hinein in die Nachbarschaft.


Lass uns aufhören, Menschen in Gebäude zu zerren. Fangen wir stattdessen an, ihnen den Jesus zu zeigen, der bereits draußen auf der Straße auf sie wartet.


Kernzitat zum Mitnehmen:

"Die Menschen außerhalb der Kirche haben nicht aufgehört, nach Gott zu suchen. Sie haben nur aufgehört, in der Kirche nach ihm zu suchen. Deshalb müssen wir die Kirche dorthin bringen, wo die Menschen sind."

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